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Nachdem im Jahr 2023 zum 30. Todestag von Mike Zerna erstmals eine öffentliche Gedenkveranstaltung am damaligen Tatort in der Hoyerswerdaer Neustadt stattfand, trafen wir uns auch 2024 mit Angehörigen und anderen Interessierten am ehemaligen Club „Nachtasyl“, um an ihn und alle anderen Opfer rechter Gewalt zu erinnern. Wir dokumentieren hier die Rede, die wir bei dieser Gelegenheit gehalten haben.

Redebeitrag von Support zum Gedenken an Mike Zerna 2024

Wir sind heute zum zweiten Mal an dem Ort zusammengekommen, an dem sich in den 1990iger Jahren der alternative Club „Nachtasyl“ befand. Vor 31 Jahren, in der Nacht vom 19. zum 20. Februar 1993, ereignete sich hier ein Neonaziangriff, der den erst 22-jährige Mike Zerna aus Vetschau das Leben kostete.

An jenem Abend hatte in den Räumen des „Nachtasyls“ ein Konzert mit zwei regionalen Metal-Bands stattgefunden. Bereits zu Beginn der Veranstaltung war es dabei zu einer Auseinandersetzung zwischen Gästen und einigen Neonazis aus Hoyerswerda gekommen, die ebenfalls Einlass erhalten hatten, obwohl sie unerwünscht waren. In der Folge verließen diese den Club zunächst wieder, wobei ihr Auto durch einen Steinwurf beschädigt wurde. Kurze Zeit später tauchten jedoch weitere Rechte vor dem Club auf, um die Anwesenden zu provozieren, bevor auch sie sich, nach einer erneuten Auseinandersetzung, zurückziehen mussten.

Während das Konzert daraufhin störungsfrei zu Ende geführt werden konnte, sammelten sich die Neonazis im nicht weit entfernten Jugendklubhaus „Ossi“ und versuchten weitere Leute zu mobilisieren, um sich an den vermeintlich „Linken“ im „Nachtasyl“ zu rächen. Um kurz nach 0Uhr fuhren schließlich etwa 20-30 Personen zurück in die Ziolkowskistraße und überfielen die nach dem Ende des Konzertes noch im Club verbliebenen Besucher*innen.

Mike Zerna, der als Fahrer einer der auftretenden Bands zum Konzert nach Hoyerswerda gekommen war, hielt sich zum Zeitpunkt des Angriffs gemeinsam mit seinem Bruder, der in einer der Bands gespielt hatte, vor dem Club auf, wo sie Musikinstrumente in einen Kleintransporter luden. Auch sie wurden in der Folge von mehreren heranstürmenden Rechten attackiert und bewusstlos geschlagen. Anschließend demolierten die Täter das Fahrzeug und stießen es um, sodass Mike Zerna unter ihm eingeklemmt wurde. Er konnte erst eine halbe Stunde später, nachdem die Angreifer den Ort wieder verlassen hatten, von anderen Gästen geborgen und ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo er schließlich am 25. Februar 1993 seinen schweren Verletzungen erlag.

Mit dem tödlichen Überfall auf das „Nachtasyl“ eskalierte die Neonazi-Gewalt in Hoyerswerda nach den Ausschreitungen gegen die Wohnheime von Vertragsarbeiter*innen und Asylsuchenden im Herbst 1991 ein weiteres Mal. Doch nicht nur hier, sondern in der gesamten Region fanden im gleichen Zeitraum zahllose Angriffe von militanten Neonazis auf Andersdenkende und (vermeintlich) Nicht-Deutsche sowie Überfälle auf Asylunterkünfte, Jugendclubs und Diskotheken statt. Dieser bis dahin beispiellosen rechten Gewaltwelle fielen in den Jahren 1990 bis 2000 allein im Umkreis von 50 Kilometern um Hoyerswerda, neben Mike Zerna, noch mindestens sechs weitere Menschen zum Opfer.

Unter ihnen etwa der 36-jährige Andrzej F., der am Abend des 7. Oktobers 1990 in Lübbenau von Neonazis erst zusammengeschlagen und später mutmaßlich erstochen wurde, weil er sich bei einer Feier in einer Gaststätte schützend vor einen seiner polnischen Arbeitskollegen gestellt hatte.

Unter ihnen auch die 44-jährige Waltraut S., die am 23. Oktober 1992 im Klinikum in Hoyerswerda ihren schweren Verletzungen erlag, nachdem sie bei einem Überfall junger Rechter auf eine Gaststätte in Geierswalde niedergeschlagen wurde.

Unter ihnen zudem der 27-jährige Timo K. aus Senftenberg, der am Abend des 12. Dezember 1992 an einer Landstraße bei Meuro von Mitgliedern einer militanten Wehrsportgruppe erschossen wurde.

Unter ihnen schließlich auch der 52-jährige Bernd S. aus Weißwasser, der im Januar 2000 von mehreren Jugendlichen aufgrund seiner Obdachlosigkeit für minderwertig erachtet und so schwer misshandelten wurde, dass er ebenfalls an den Folgen seiner dabei erlittenen Verletzungen verstarb.

Adäquate Reaktionen von Seiten der Politik sowie der Sicherheits- und Justizbehörden auf solche Gewalttaten blieben damals in der Regel aus. Im Gegenteil, rechte Gewalt wurde gerade in den neuen Bundesländern über Jahrzehnte hinweg immer wieder verharmlost und entpolitisiert, die Täter von Seiten der Polizei oftmals nicht mit der angemessenen Entschiedenheit verfolgt und juristisch zur Verantwortung gezogen – Betroffene und Angehörige der Opfer wurden indes mit ihren Nöten alleingelassen.

Dieser Umgang mit rechter Gewalt lässt sich auch am Beispiel des tödlichen Angriffs auf Mike Zerna nachvollziehen. So etwa im Verhalten der Polizei, die trotz mehrerer Notrufe erst nach einer halben Stunde mit zwei Streifenwagen am Tatort erschienen war, um sich ein genaueres Bild der Lage zu verschaffen. Oder im vorschnellen Abstreiten eines politischen Tatmotivs durch einige damalige Lokalpolitiker und Vertreter der Stadtverwaltung, obwohl die Sonderkommission Rechtsextremismus die Ermittlungen in dem Fall übernommen hatte und die Bezüge der Tatverdächtigen zur lokalen Neonaziszene unübersehbar waren.

Außerdem in der Berichterstattung lokaler Medien, in denen selbst zu diesem Zeitpunkt, eineinhalb Jahre nach den Krawallen vom Herbst 91, kaum Bezüge zu den zahlreichen weiteren rechten Gewalttaten und Morden hergestellt wurden, die seitdem in der Region stattgefunden hatten. Und schließlich auch im Prozess gegen die zwölf Angeklagten im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, die sich ein Jahr nach der Tat für ihre Beteiligung am Angriff auf das „Nachtasyl“ und den Tod von Mike Zerna vor dem Landgericht Bautzen verantworten mussten.

Weil die Polizei nur unzureichend Beweise gesichert hatte und die Anklage sich im Wesentlichen auf die Einlassungen der Beschuldigten stützte, blieben viele Fragen zum konkreten Tathergang und der Rolle der einzelnen Beteiligten offen. Zudem ging das Gericht von einer „erheblich verminderter Schuldfähigkeit“ der Angeklagten aufgrund ihres behaupteten Alkoholkonsums aus und senkte aus diesem Grund den Strafrahmen für die angeklagten Taten erheblich.

Neben der langen Verfahrensdauer wertete das Gericht auch den Umstand zu ihren Gunsten, dass sie aus Hoyerswerda und zum Teil schwierigen sozialen Verhältnissen kamen. In der Urteilsbegründung heißt es dementsprechend verständnisvoll, die Täter hätten Schwierigkeiten gehabt, in der Wendezeit Arbeits- und Ausbildungsplätze zu finden sowie keine staatsbürgerliche Schulung auf die neue BRD und den Rechtsstaat erhalten und sich u.a. deswegen der rechten Szene angeschlossen. Dass diese Lebensumstände damals jedoch ebenso gut auf ihre Opfer sowie nahezu alle anderen Jugendlichen in der Lausitz zutrafen, gab offenbar niemandem zu denken.

Im Juli 1994 wurden die Angeklagten für den Überfall auf das „Nachtasyl“ u.a. wg. schwerem Landfriedensbruch, Körperverletzung und fahrlässiger Tötung verurteilt. Acht von ihnen erhielten Jugend- und Freiheitsstrafen zwischen drei Jahren und drei Monaten und vier Jahren. Die Übrigen Mittäter kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Obwohl vor Gericht klar festgestellt wurde, dass sie den Club aufgesucht hatten, um gezielt und mit äußerster Brutalität Menschen anzugreifen, die sie für „Linke“ hielten, sah der leitende Staatsanwalt „keine rechtsradikalen“ Tathintergründe. Entgegen dieser Einschätzung wurde Mike Zerna dennoch noch im gleichen Jahr auch von staatlicher Seite als Opfer rechter Gewalt anerkannt.

Dreißig Jahre nach der Tat haben wir im letzten Jahr mit zivilgesellschaftlichen Akteuren in Hoyerswerda zum ersten Mal ein öffentliches Gedenken für Mike Zerna und alle anderen Opfer rechter Gewalt ausgerichtet. Wir setzen uns zudem gemeinsam mit Angehörigen für die Entstehung eines dauerhaften Erinnerungsortes in der Stadt ein.

Wir glauben, dass dieser Schritt ein wichtiges Zeichen der Anteilnahme und Anerkennung aus Hoyerswerda an die Hinterbliebenen wäre, die ihnen lange Zeit verwehrt blieben. Wir denken zudem, dass die Bereitschaft zum öffentlichen Erinnern an das Schicksal von Mike Zerna in Hoyerswerda auch zur weiteren Auseinandersetzung mit den Hintergründen dieser und ähnlicher Taten in der Region beitragen kann.

Bedeutsam wäre dies aus unserer Sicht nicht nur im Kontext einer Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch mit Blick auf unsere unmittelbare Gegenwart. Denn in ihr spüren wir täglich die sich erneut vollziehende Normalisierung jener menschenfeindlichen Einstellungen, die solche Taten überhaupt erst ermöglichen.

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